Einen Charakter erschaffen mit Hilfe seines moralischen Kompasses, Teil 2

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen des aktuellen Blog-Karnevals mit dem Thema „Moral im Rollenspiel“. Es soll hier darum gehen, wie man Charaktere (für Spieler und NSCe für Spielleiter) erschaffen kann, indem man sich an ihren moralischen Vorstellungen orientiert.

Im ersten Teil habe ich die moralische Leinwand präsentiert, welche eine nützlichere Vorstellung von Moral liefert, als der sprichwörtliche Kompass. Dafür habe ich die verschiedenen Quellen moralischer Vorstellungen den Bildteilen eines Gemäldes zugeordnet. Hier, zur Erinnerung, noch einmal die Tabelle aus dem ersten Teil:

Quellen

Bildteile

Genetik, Gesellschaft, Erziehung, Religion Hintergrund
Bildung, Justiz, Gruppenzugehörigkeit Objekte
Lebenserfahrung, Vorbilder Reflexe und Schattierungen

Nachdem die Grundlagen gelegt sind, geht es in diesem Teil um die konkrete Charaktererschaffung.

Fragen an die Moral

Ich gebe hier ein paar Fragen, welche helfen die moralischen Vorstellungen eines Charakters auszuloten. Theoretisch benötigen wir unendlich viele Fragen, um ein genaues Bild über die Moral des Charakters zu erlangen, da es unendlich viele Situationen gibt, in denen er sich entscheiden muss, was er tun und was er lassen soll. Daher bleibt uns nur, unsere Fragen abstrakt zu halten und uns an den verschiedenen Quellen der moralischen Vorstellungen zu orientieren.

Die nachfolgenden Fragen sind komplex und schon schwer genug für uns selbst zu beantworten. Man kann daher einwerfen: Wenn ich das noch nicht einmal für mich selbst beantworten kann, wie soll ich es durch die Augen eines Rollenspielcharakters schaffen? Genauer betrachtet ist dies jedoch einfacher, denn wir müssen nicht mit den Konsequenzen der Antworten leben, sondern nur unser Charakter.

Oder positiv ausgedrückt: Das ist eure Chance einfach mal ein paar Antworten, auf diese wichtigen Fragen, auszuprobieren! Rollenspiel statt Philosophie-Studium!

Was ist der Sinn des Lebens?

Wofür lebt der Charakter? Was glaubt er, wozu er die Rollenspielwelt betreten hat? Die üblichen Quellen, um diese Frage zu beantworten, sind Genetik, Gesellschaft, Erziehung und Religion. Wenn du Schwierigkeiten hast diese Frage für den Charakter zu beantworten, dann probiere es mal mit dieser: Wie sollen andere sich an mich erinnern (wenn ich tot bin)?

Was ist das höchste Gut?

Nach welchem Gut strebt der Charakter? Ein paar Antwortmöglichkeiten (aus der Wikipedia):

  • Glück (Eudämonismus): Man hätte hier vielleicht auch Erfolg schreiben können. Es geht um das Erreichen objektiver Ziele.
  • Lust (Hedonisten): Hier geht es um das subjektiv glückliche Leben.
  • Macht: Der Charakter möchte möglichst viel Macht und Einfluss akkumulieren.
  • Einheit mit Gott: Der Charakter richtet sein Leben nach seinem Glauben (an einen bestimmten Gott) aus.
  • Erwachen zu Weisheit und Mitgefühl: Im Sinne des Buddhismus.
  • Bedürfnisbefriedigung: Es geht nicht darum objektive Ziele zu erreichen (Eudämonismus) oder ein lustvolles Leben zu führen (Hedonismus), sondern nur darum die entstehenden Bedürfnisse – wie sie kommen – zu befriedigen.
  • Einheit von Tugend und Glück: Hierfür ist natürlich zu klären, was für den Charakter als Tugend gilt. Einen umfangreichen Katalog von Tugenden kann man zum Beispiel auf der Wikipedia finden (Tugend).
  • Freiheit: Der Charakter strebt nach größtmöglicher Freiheit.

Man kann die Frage nach dem höchsten Gut weiterführen und sich überlegen welchen Stellenwert die anderen Güter in der Welt des Charakters einnehmen und was er von Leuten hält, die nach anderen Gütern streben.

Verwandt mit der Frage nach dem höchsten Gut ist auch die Frage, wann ich glücklich lebe.

Was sind meine persönlichen Gebote, Verbote und Erlaubnisse?

Dies sind eigentlich drei Fragen:

  • Was verbiete ich mir selbst? (Obwohl es erlaubt wäre)
  • Was gebiete ich mir selbst? (Obwohl es verboten oder freiwillig wäre)
  • Was erlaube ich mir selbst? (Obwohl es verboten wäre)

Typische Beispiele für solche persönlichen Verbote, Gebote und Erlaubnisse sind zum Beispiel die Einstellungen gegenüber:

  • Versprechen
  • Gelübde
  • Fastenzeiten
  • Disziplin
  • Traditionen und Rituale
  • Streben nach Perfektion

Weitere Fragen

Man könnte hier noch viele weitere Fragen anfügen, aber ich belasse es mal bei diesen wenigen, um den Artikel fortsetzen zu können. Falls ihr besonders wichtige Fragen vermisst oder einfach nur weitere Fragen zur Moral anführen wollt, hinterlasst diese in den Kommentaren!

Charaktererschaffung über die Moral: Top-Down und Bottom-Up

Ich sehe zwei Ansätze, wie man über die Moral einen Charakter erstellt.

Eventuell hat man schon einen Charakter mit gewissen moralischen Vorstellungen vor Augen: „Ich möchte einen richtigen Drecksack-Vampir basteln, welcher sogar unter Vampiren als durchgeknallt gilt. Auf der anderen Seite hat er einige Aspekte, welche so gar nicht in sein Gesamtbild passen. Er verschont beispielsweise alle Kinder und ist zu diesen sogar ausgesprochen freundlich. Seine Einstellung zu Menschengesetzen ist völlig willkürlich, die ungeschriebenen Vampirgesetze hält er aber nach Möglichkeit ein,…“. Wenn man mit dieser Vorstellung an die Charaktererschaffung geht, nenne ich dies den Top-Down-Ansatz.

Die Alternative wäre die Geschichte und Erlebnisse des Charakters durchzugehen und aus diesen moralische Vorstellungen abzuleiten. Auf diese Weise entwirft man die Moral des Charakters Stück für Stück und achtet darauf, dass diese in sich schlüssig bleibt. Dieses Vorgehen nenne ich den Bottom-Up-Ansatz.

Man kann beide Ansätze in Reinform verwenden oder auch mischen. So kann man in speziellen Bereichen eine konkrete Vorstellung über den Charakter haben (Top-Down), in anderen Bereichen jedoch überhaupt keine. Man entscheidet sich daher, dass der Charakter in der Vergangenheit ein paar Situationen durchgemacht hat, um diese Lücken zu füllen (Bottom-Up).

Zieht man wieder den Vergleich von Moral mit einem Bild auf einer Leinwand, dann kann man sich die beiden Ansätze ungefähr so vorstellen: Beim Top-Down-Ansatz stehen wir vor einem fertigen Gemälde und grübeln darüber nach, wie der Künstler dieses Gemälde erschaffen hat. Beim Bottom-Up-Ansatz sind wir stattdessen selbst der Künstler, der Strich für Strich und Schicht für Schicht ein Bild erzeugt. Wichtig ist, dass wir beim späteren Spielen des Charakters in beiden Rollen stecken: Wir benutzen die Moral des Charakters, um seine Handlungen abzuleiten, auf der anderen Seite können die erlebten Ereignisse auch die Moral des Charakters verändern.

Man wird, egal welchen der beiden Ansätze man verfolgt, kein komplettes moralisches Bild vom Charakter erhalten. Stattdessen hat man einige ungeklärte Bereiche – weiße Stellen auf der Leinwand. Neben den reizvollen Ausnahmen, dass der Charakter sich an diesen Stellen noch keine Meinung gebildet hat, er also selbst noch nicht weiß, wie er dort zu reagieren hat, sollten die meisten dieser Bereiche nachträglich ausgefüllt werden. Um diese Bereiche zu erkennen ist der vorhergehende Abschnitt interessant, Man kann sich aber auch an den verschiedenen Quellen orientieren: Welche Rolle spielen diese für das moralische Gesamtbild des Charakters? Wenn er beispielsweise noch keine Einstellung gegenüber der Justiz hat, dann solltest du eine solche noch festlegen (falls der Charakter nicht in einem justizfreien Raum lebt). Hast du dir Gedanken darüber gemacht, welchen Einfluss die Eltern des Charakters auf seine Moral hatten? Bildung? Religion?

Andere Aspekte ableiten

Ein Charakter besteht natürlich nicht nur aus seiner Moral. Er hat eine Geschichte, er hat Kontakte, Spielwerte und vieles mehr. Wie kann ich also andere Aspekte über die Moral herleiten? Viele Aspekte haben wir schon „auf dem Weg“ angefasst, so sind die Träume, Ängste und Ziele einer Person zweifelsfrei mit der Frage nach seinem höchsten Gut verbunden. Indem wir die Quellen moralischer Vorstellungen festgelegt haben, berührten wir eventuell auch eine breite Anzahl an anderen Aspekten, wie soziale Klasse, Geheimnisse, tägliches Leben, Wohlstand, Beruf, Glaube…

Auf ein paar einzelne Aspekte möchte ich noch einmal besonders eingehen.

Erlebnisse

Im Prinzip hast du schon eine ganze Reihe von Erlebnissen abgeleitet, als du dir überlegt hast warum der Charakter bestimmte moralische Vorstellungen hat (Top-Down) oder als du dir Ereignisse überlegt hast, aus denen du die Moral zusammengesetzt hast (Bottom-Up). Wahrscheinlich hast du danach, das moralische Bild des Charakters vervollständigt, also die weißen Flächen gefüllt. Für diese Teile des moralischen Gesamtbildes kannst du dir nun ebenfalls Erlebnisse überlegen.

Eine andere Möglichkeit an Erlebnisse zu kommen, ist sich Situationen zu überlegen, in welchen die Moral des Charakters außergewöhnlich gefordert war und wie diese für den Charakter ausging. Hat er in dieser extremen Situation seine Moral aufrecht erhalten können oder ist er daran gescheitert und schämt sich nun dafür? Überlege dir auch Situationen, welche „typisch“ für den Charakter sind, also schlicht seine Moral demonstrieren. Eine solche Situation zu schildern, ist präziser und spannender, als zu sagen: „Der Bürgermeister ist ein feiner und rechtschaffener Kerl.“

Kontakte, Feinde und Freunde

Wir suchen die Nähe von Menschen, welche einen Großteil unserer moralischen Vorstellungen teilen. Auf der anderen Seite vermeiden wir die Zusammenarbeit mit Menschen, welche gegensätzliche Vorstellungen von Moral haben. Dies gilt auch für deinen Charakter. Überlege dir in welchen Kreisen sich diese Person wohlfühlt und wähle aus diesen Freunde aus. Überlege dir auch, welchen Menschenschlag der Charakter überhaupt nicht ausstehen kann und erwäge ihm solche Feinde und Widersacher gegenüberzustellen.

Die bereits abgeleiteten Erlebnisse sind hier natürlich ebenfalls hilfreich, um auf Kontakte, Feinde und Freunde zu kommen. Oft sind es die moralischen Aspekte einer Begegnung, welche eine dauerhafte Verbindung (positiv oder negativ) zwischen zwei Personen herstellen.

Aussehen und Ausrüstung

Dieser Aspekt mag vielleicht nicht sofort viel mit moralischen Vorstellungen zu tun haben. Aber er wird oft entscheidend von der Moral geprägt und viel wichtiger ist: Dieser Aspekt liefert nach außen Hinweise auf die Moral des Charakters. Ein paar Beispiele machen dies schnell deutlich:

  • Ein hagerer Mann in einer schlichten Robe. Er ist sauber und gründlich rasiert, sowohl im Gesicht, als auch auf dem Kopf. Seine Augen sind hellwach, sein Gang aufrecht.
  • Er schlurft um die Ecke, von seinem Gürtel hängt ein geschwärzter Dolch.
  • Seine Rüstung ist so strahlend poliert, dass man sich darin spiegeln kann. Auf der Brust prangt für jeden sichtbar das Symbol seines Gottes. Er marschiert über den Markt ohne sich dabei die Mühe zu machen jemandem auszuweichen.

Die Erscheinung dieser drei Gestalten, lässt uns sofort Rückschlüsse auf zumindest einen Teil ihrer moralischen Vorstellungen ziehen. Überlege dir daher, wie sich die moralischen Vorstellungen des Charakters in dessen Erscheinungsbild abbilden.

Zusammenfassung

Die Moral eines Charakters beeinflusst entscheidend sein Verhalten in vielen – und vor allem wichtigen – Situationen. Auf der anderen Seite beeinflussen Ereignisse die moralischen Vorstellungen eines Charakters.

Ich habe hier angerissen, wie man diese beiden Vorgänge nutzen kann, um einen Charakter zu entwickeln, dessen Verhalten (für dessen Spieler) einfach zu bestimmen ist. Ich empfehle diese Methode einfach mal auszuprobieren. Also schnappt euch eure moralische Staffelei und los geht’s!

Über spielleiten

Autor von spielleiten.wordpress.com
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8 Antworten zu Einen Charakter erschaffen mit Hilfe seines moralischen Kompasses, Teil 2

  1. Jan schreibt:

    Bei der Tugend fehlt ein Link, glaube ich.

    Zweite Fragen, die mir noch eingefallen sind:
    – Wofür wurde der Charakter töten?
    – Auf eine einzelne moralische Einstellung bezogen: Für was wurde er diese Einstellung aufgeben/außer Acht lassen?

    Auf beide Fragen muss es natürlich nicht zwingend eine Antwort geben, aber auch das ist eine Form der Antwort und eine moralische Festlegung.

  2. Fantasy One schreibt:

    nice, wenn doch meine Spieler sich immer so viele und tiefgründige Gedanken, um ihre Charaktere gemacht hätten! Himmelreich! ;-)

  3. Pingback: Hereinspaziert, hereinspaziert! | spielleiten

  4. Malik schreibt:

    Das like Button Plugin waere bestimmt hilfreich. Oder habe ich es nicht gefunden?

  5. spielleiten schreibt:

    Ich werde mich mal schlau machen… Mit Facebook habe ich persönlich nichts zu tun. Aber ich habe gehört, dass dieses doch den ein oder anderen Nutzer hat ;)

  6. spielleiten schreibt:

    so ich denke ich habe es gefunden(?). Viel Spaß mit Facebook, Google+ und Co.

  7. PiHalbe schreibt:

    Sehr gut. Der Artikel gefällt mir echt, geht auf die Theorie ein, aber dann auch auf die praktische Anwendung. Und er entspricht dem, was ich unter Moral verstehe (während die anderen ja eher von der CoSim-Kampfmoral sprechen. Danke.

  8. spielleiten schreibt:

    Danke an alle. Freut mich, dass euch der Artikel gefällt, Moral ist ja ein sehr komplexes Thema. Interessanterweise wurde bei mir, während der Recherche, ein großes Interesse an Philosophie geweckt.

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