Vom Räuberlager zur interstellaren Assassinengilde

Organisationen im Rollenspiel, Teil 1

Ich gebe in diesem Artikel eine Anleitung zur Erschaffung von Organisationen. Neben der Erschaffung wird es auch darum gehen, wie die Organisation mit den Charakteren verbunden werden kann. Das Wort Organisationen ist dabei sehr allgemein zu verstehen, Beispiele für Organisationen wären:

  • Der konkurrierende Megakonzern,
  • Die Kirche eines Spielercharakters,
  • Der Goblinstamm in den Wäldern,
  • Der menschenopfernde Geheimkult,
  • Die örtliche Niederlassung der CIA,
  • Der Aufklärungstrupp einer Alien-Rasse,

Eine Organisation ist hier ein Verbund mehrerer Individuen, welche durch Arbeitsteilung ein gemeinsames Ziel verfolgen.

Organisationen bieten daher zwei Sichtweisen an: Man kann sie als Pseudocharakter oder als Zusammenschluss von einzelnen NSCen betrachten. Fragen über die Organsiation lassen sich manchmal aus der Sicht eines Pseudocharakters einfacher beantworten – wenn es beispielsweise um die Verhältnisse zwischen Organisationen geht. Andere Fragen lassen sich auf der Ebene einzelner NSCe besser beantworten – zum Beispiel wie die Organisation mit den Spielercharakteren verknüpft wird. Zur realistischen und interessanten Darstellung der Organisation, brauchen wir daher beide Sichtweisen.

Um eine Organisation zu erschaffen müssen einige Fragen beantwortet werden, welche teilweise eng miteinander verflochten sind. Man spart daher viel Revisionsarbeit, wenn man die Fragen in einer geschickten Reihenfolge beantwortet. (Ich kann nicht wissen wie die Organisation ihren Plan umsetzen wird, wenn ich nicht weiß was ihr Ziel ist!) Ich gebe hier eine Reihenfolge an, welche ich für sinnvoll erachte und gehe dabei auf jede Frage genauer ein. Man muss sich natürlich nicht dogmatisch an diese Reihenfolge halten. Euch wird bestimmt etwas zu einer – vielleicht schon beantworteten – Fragestellung einfallen, während ihr gerade an einer anderen sitzt. Wenn man sich jedoch komplett kreuz und quer durch die Fragestellungen arbeitet, passiert es schnell, dass man sich Dinge umsonst ausdachte oder nachträglich einen großen Teil revidieren muss.

Beginnen wir also mit der ersten Frage:

Was ist das Ziel der Organisation?

Dies ist die wichtigste Frage von allen, denn ohne ein Ziel, braucht man sich gar nicht erst zu einer Organisation zusammenzuschließen. Ziele lassen sich auf verschiedene Weise charakterisieren:

  • Das Ziel kann konkret oder abstrakt sein.
  • Konkret: Lasst uns gemeinsam diese drei Spielcasinos ausrauben.
  • Abstrakt: Wir wollen den coolsten Pub der Stadt aufbauen.
  • Das Ziel ist ein kurzfristiges, langfristiges oder permanentes. Die Grenzen sind hier schwammig und nicht klar getrennt:
    • Kurzfristig: Wir wollen den Sarkophag des Tutanchamun aus dem Tal der Könige bergen.
    • Langfristig: Unsere Abteilung hat die Aufgabe die terroristische Vereinigung XY zu zerschlagen.
    • Permanent: Unsere Kirche möchte den Glauben an unseren Gott in die ganze Welt bringen und nach seinen Lehren leben.
  • Das Ziel kann aus verschiedenen Interessen motiviert sein. Diese Motivation kann beispielsweise physischer, sozialer, kultureller, politischer, religiöser, wirtschaftlicher, wissenschaftlicher oder militärischer Natur sein.

In der Frage nach dem Ziel (oder den Zielen) einer Organisation, geht es um den aktuellen Grund, warum eine Organisation existiert. Warum arbeiten die Personen zusammen? Man gerät schnell in Versuchung Teilziele und erfüllte Ziele zu entwickeln, diese müssen jedoch noch kurz warten. Teilziele werden schon bei der nächsten Frage gebraucht, erreichte Ziele in der übernächsten.

Was ist der Plan?

Nachdem klar ist, was die Organisation erreichen will, fragen wir uns nun, wie sie es erreicht. Welche Schritte muss die Organisation durchführen? Plane die Schritte der Organisation zunächst ohne Störungen, als hätte alles schon perfekt geklappt. Im obigen Tutanchamun-Beispiel könnte der Plan zum Beispiel so aussehen (aus Sicht des Pseudocharakters):

  1. Überzeuge führende Archäologen, Ägyptologen und weitere Wissenschaftler für mich zu arbeiten.
  2. Beschaffe die nötigen Utensilien und Informationen, welche vor Ort gebraucht werden. Dafür benutze ich das Know-How meiner neuen schlauen Menschen.
  3. Errichte das Lager im Tal der Könige und sichere es mit bewaffneten Wachen. Schaffe alles Nötige dorthin.
  4. Nachdem ich alles vorbereitet habe lasse ich die Wissenschaftler einfliegen und sie beginnen mit ihrer Arbeit.
  5. Sie finden das Grab bergen alle Schätze und ich fliege diese nach Hause in meine Villa. Ruhm und Ehre sind mein!

An diesem Plan kann – in jedem Schritt – eine Menge schief gehen, aber dies ist bei der Formulierung erst einmal unwichtig.

Bei komplexen Zielen können diese Zwischenschritte für Außenstehende (oder einem weniger wichtigen Mitglied) rätselhaft oder zusammenhangslos erscheinen. Dies ist gerade für das Rollenspiel interessant. Denn in diesem Fall müssen die Spielercharaktere ihren Grips anstrengen, um zu erfahren was die Organisation überhaupt vorhat. Im Beispiel wissen die Charaktere nach dem ersten Schritt gerade einmal, dass plötzlich viele Wissenschaftler auf der Gehaltsliste der Organisation stehen (oder, wenn die Organisation etwas böswillig ist, einfach verschwunden sind). Was die Organisation mit diesen vorhat, müssen sie erst noch herausfinden.

Eine kurzer Lebenslauf der Organisation

Es mag an dieser Stelle ein bisschen aus der Reihe fallen, aber wir benötigen nun ein paar Hintergrundinformationen zur Organisation:

  • Woher – und vor allem wann – kommt sie und unter welchen Umständen wurde sie gegründet?
  • Was hat sie seitdem gemacht?
  • Gab es einen Umbruch in der Organisation?
  • Haben sich die Ziele im Laufe der Zeit – oder plötzlich – geändert, wenn ja warum?
  • Haben sich die Methoden im Laufe der Zeit – oder plötzlich – geändert, wenn ja warum?
  • Wie änderte sich die öffentliche Wahrnehmung der Organisation seit seiner Gründung?

Sehe die Organisation als Pseudocharakter und gebe diesem einen Lebenslauf. Wenn es einen Umbruch (Wechsel des Ziels, der Methoden, der öffentlichen Wahrnehmung) innerhalb der Organisation gab, dann beschäftige dich vor allem mit dem zeitlichen Bereich von heute bis zum letzten dieser Umbrüche. Alles vor dem letzten Umbruch ist weniger wichtig, als die Phase, welche die Organisation gerade durchlebt. Die Informationen, welche du hier erarbeitest, werden bei der nächsten Frage nützlich.

Welche Mittel stehen zur Verfügung?

Nachdem man weiß, woher die Organisation kommt, in welchem Rahmen sie agiert und was sie bisher durchgemacht hat, kann man beantworten, welche Ressourcen diese zur Verfügung hat. Ich unterscheide zwischen folgenden Ressourcen:

  • Personelle Ressourcen: Dies ist keine Ausarbeitung einzelner NSCe, sondern eine Art Gehaltsliste. Sie könnte beispielsweise so aussehen: Für Organisation X arbeitet ein Quantenphysiker, ein Biochemiker, ein Raketenwissenschaftler, zehn Geheimdienstler und dreißig Söldner.
  • Finanzielle Ressourcen: Was hat die Organisation auf dem Bankkonto? Was befindet sich im Safe oder im Keller an Wertgegenständen? Hier wird aufgelistet, was die Organisation an Geld und Buchungsgeld, an Aktien und Krediten hat. Alles was einigermaßen schnell zu Geld gemacht werden kann zählt hier dazu.
  • Materielle Ressourcen: Welche Gegenstände und Besitztümer hat die Organisation? Es geht hier nicht nur um die Nahrungsvorräte im Keller, sondern auch um den Keller selbst. Natürlich sind nicht alle materiellen Ressourcen der Organisation interessant. Konzentriere dich auf die Ressourcen, welche zur Erfüllung des Organisationsziels dienlich sind. Möchtest du die materiellen Ressourcen des Räuberlagers auflisten, dann sind die Anzahl und Art der Waffen und Rüstungen, Reittiere, Geheimverstecke, Ausschaupunkte und Fallen wichtig. Ihre genaue Menge an getrocknetem Waldmeister jedoch nicht.
  • Wissens-Ressourcen (a.k.a. Know-How): Über welches Wissen verfügt die Organisation? Eine Organisation, welche über das Beamen Bescheid weiß, unterscheidet sich deutlich, von einer, welche nicht versteht, wie das funktioniert. Gibt es einen zuverlässigen Wahrsager in der Organisation? Hat die Organisation eine umfangreiche Bibliothek in der sie Dinge nachschlagen kann oder wissen vielleicht alle Mitglieder, wie man im Dschungel überlebt?
  • Soziale Ressourcen: Welche Art von Einfluss und Macht hat die Organisation in ihrem Umfeld? Kann sie Personen in hohen Positionen dazu bringen Aktionen durchzuführen, welche im Interesse der Organisation liegen? Ist sie vielleicht im Volk so beliebt, dass sie schnell einen wütenden Mob zusammengetrommelt hat? Hat sie Kontakte zur Unterwelt?

Hier wird die Geschichte der Organisation wichtig, denn alle Ressourcen mussten irgendwann akkumuliert werden und dies geschah natürlich in der Vergangenheit. Dabei können verschiedene Ressourcen die einzelnen Umbrüche überlebt haben oder auf Grund der Umbrüche zur Verfügung stehen.

Die restlichen Fragen werden im nächsten Teil beantwortet. Bis dahin: Habt eine fantastische Woche.

– Michael

Ihr habt einen Spielleitertipp und möchtet ihn hier mitteilen? Kein Problem: Sendet mir eine Kurznachricht bei den Blutschwertern, im Tanelorn oder auf rsp-blogs-forum, oder schickt mir einfach eine Mail (siehe hier).

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3 Antworten zu Vom Räuberlager zur interstellaren Assassinengilde

  1. Pingback: Anonymous

  2. Roger schreibt:

    Du hast es schon im Ziel abgegriffen, aber die Motivation hinter der Organisation kann noch ein Stück weiter sein definiert werden, denke ich. Vor allem dann, wenn in Zwischenzielen auf ein großes Ziel hingearbeitet wird oder die Pläne/Ziele eher machiavellisch sind

  3. Pingback: Vom Geheimkult zum globalen Megakonzern | spielleiten

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