Der bastelwütiger Spielleiter. Teil 7

Dies ist der siebte Teil in der Reihe: Der bastelwütige Spielleiter. Es waren bisher sieben Teile geplant, auf Grund der großen positiven Resonanz, wird es aber mehr als sieben Teile geben.

Ab ins Tonstudio?

In diesem Bastelwütigen Spielleiter geht es um Rollenspielaufnahmen. Dafür gibt es auch einen kleinen Exkurs in das freie Programm Audacity. Im nächsten Bastelwütigen Spielleiter werden dann akustische Trailer behandelt, mit einem weiteren etwas tieferen Exkurs in Audacity.

Rollenspielaufnahmen

Es gibt einige schöne – und oft lustige – Rollenspielaufnahmen im Netz (Ich empfehle (englisch): RPGMP3.com). Es gibt verschiedene Gründe, warum man seine Rollenspielrunde aufnehmen möchte:

  • Sie sind sehr unterhaltsam und man möchte sie einfach aus Spaß noch einmal erleben oder anderen Menschen anbieten.
  • Man benutzt die Aufnahme als perfektes Verlaufsprotokoll, um die nächste Sitzung vorzubereiten (als Spielleiter oder Spieler). Denkbar ist auch ein Zusammenschnitt der wichtigsten Szenen, welche vor der nächsten Sitzung abgespielt werden.
  • Man fragt sich: Welchen Blick hätte ich als Spieler auf meinen eigenen Spielleiterstil? Da kann eine Aufnahme helfen. Man hört seine eigenen Beschreibungen und Reaktionen, man hört sich NSCe darstellen und wie schnell ein Kampf abläuft.

Die meisten Spieler sind zunächst irritiert, wenn plötzlich ein Aufnahmegerät am Spieltisch erscheint. Dies vorher abzusprechen und die entsprechenden Gründe zu kommunizieren ist daher ein Muss.

Die Aufnahme

Wie nimmt man nun eine Sitzung auf? Ich kann nur von eigenen Erfahrungen berichten. Da ich genau so wenig Tontechniker bin, wie der Großteil meiner Leser, hoffe ich, dass meine Erfahrungen euch weiterbringen. Alle Tontechniker mögen mir daher grobe Fehler verzeihen und in den Kommentaren Hinweise erläutern wie es besser geht.

Die allerersten Anfänge habe ich mit einem Headset unternommen, welches in die Mitte des Tisches gelegt wurde. Das Aufnahmeprogramm war Audacity, auf welches ich später noch eingehen werde. Das hat nur schlecht funktioniert, da ein Headset nicht dafür gebaut ist weiter entfernte Stimmen gut aufzunehmen. Ein teureres Headset macht dies wahrscheinlich eher noch schlimmer als besser. Dazu kommt, dass die ganze Zeit ein Computer läuft, um das Signal aufzunehmen.

Der zweite Versuch war ein altes Aufnahmegerät meines Vaters – mit Band! Das hatte schon eine höhere Qualität. Die Weiterverarbeitung war jedoch umständlich: Ich musste das Gerät an den PC anschließen und einmal das komplette Band durchlaufen lassen, während der PC aufnimmt.

Der dritte Versuch war daher ein digitales Aufnahmegerät (etwa 30 €; auf eBay bekommt man die wahrscheinlich noch billiger oder bessere für den gleichen Preis). Dieses kam sogar mit einem kleinen Extramikro, welches sich aufrecht in der Mitte des Tisches platzieren lässt. Die Tonqualität ist hoch und eine Übertragung auf den Rechner ist wesentlich schneller. Die Nachbearbeitung am PC ist jetzt praktikabel und wird dadurch erst richtig interessant, denn: Mit ein paar einfachen Kniffen kann man nochmal einiges aus der Aufnahme herausholen. Aber bevor ich darauf eingehe, noch ein paar Bemerkungen, wie man optimale Bedingungen für die Aufnahme schafft:

  • Stellt das Mikro/Aufnahmegerät mittig in den Tisch. Wenn ihr einen Spieler habt, der im Vergleich zu den anderen besonders laut ist, dann könnt ihr das Gerät auch ein Stückchen von diesem wegschieben – in dem Fall setzt ihr am besten die leiseste Person diesem Menschen gegenüber.
  • Wenn ihr Knabbereien am Spieltisch habt packt diese in Schälchen oder Schüsseln um. Auf der Aufnahme ständig das Rascheln und Knistern von Chips- und Kekspackungen zu hören, vor allem, wenn diese direkt neben dem Mikro liegen, ist sehr störend.
  • Handys sollten entweder weit entfernt vom Mikro liegen oder ausgeschaltet sein. Diese können, wenn sie auf Netzsuche sind – was in manchen Situationen schon mal den ganzen Abend dauern kann – die Aufnahme mit einem schrecklichen Piepsen überdecken.
  • Es gibt die Situation, dass die SCe getrennt werden. In diesem Fall spielt der SL oft eine Zeit lang alleine mit einem Teil der Spieler. Es erfordert dann Disziplin, dass die anderen Spieler sich nicht untereinander unterhalten. Wir Menschen sind gut darin Quergespräche komplett auszublenden, um unsere Gesprächspartner zu verstehen – eine großartige Leistung unseres Hirns! – doch das Aufnahmegerät kann das nicht. Wenn man später versucht zwei Gespräche gleichzeitig anzuhören, bekommt man nur noch Chaos serviert, denn ohne den Blickkontakt arbeitet unser Hirn nicht mehr so gut. Daher: Die passiven Spieler müssen sich ruhig verhalten oder sie entfernen sich vom Tisch (Raucherpause, Kaffee machen gehen…).

Die Nachbearbeitung – Ein kleiner Exkurs in Audacity

Die Aufnahme ist also gemacht, du hast eine mehrstündige Wave- oder mp3-Datei auf dem Rechner, stöpselst deine Boxen ein, drückst Play und… verstehst erst einmal kein Wort. Ich behaupte mal das ist normal. Man hätte jetzt mit keiner lupenreinen Aufnahme gerechnet, trotzdem überrascht die Qualität wahrscheinlich erst einmal negativ statt positiv.

Das Problem

Woran liegt das? Da kommt einiges zusammen: Die Aufnahme hat wahrscheinlich immer noch ein hohes Rauschen, die Stimmen sind unterschiedlich laut und selbst die Dynamik einer einzelnen Stimme ist immer noch sehr hoch. Dazu kommt, dass die realen Töne erst einmal durch ein Mikro geschickt werden und danach wieder durch eine Box herausgepresst werden, da passiert sehr viel. Dies hat oft mit Qualitätsverlust zu tun, manchmal ist die Aufnahme/Wiedergabe, aber auch einfach nicht auf Stimmen ausgelegt. Versuche einmal die Aufnahme mit Kopfhörern statt Boxen anzuhören, im Regelfall lässt sich da wesentlich mehr verstehen. Wiedergabe ist eben nicht gleich Wiedergabe.

Selbst wenn die Töne praktisch unverändert reproduzierbar wären, würde dem Zuhörer immer noch der visuelle Kontakt fehlen. In einem Gespräch hören wir auch mit den Augen. Wer dies nicht glaubt kann sich gerne mal dieses Video anschauen: McGurk-Effekt auf YouTube.

Die Lösung – Der Kompressor

Kommen wir zur wichtigeren Frage: Wie wird die Aufnahme verständlicher? Hier setzt Audacity an. Keine Sorge, dies wird kein Kurs in Tontechnik (ich weiß ja selbst kaum was darüber), aber es hilft, wenn man die Hintergründe etwas besser versteht.

Das wichtigste Instrument zur Aufnahme und Wiedergabe von Stimmen ist der Kompressor. Unsere Stimme ist sehr dynamisch. Das heißt, wir geben sehr laute und sehr leise Töne von uns, selbst wenn wir uns normal unterhalten. Daher betonen Sänger die Konsonanten, vor allem die Wortendungen, extralaut, ansonsten würden wir sie kaum verstehen. Besonders bei Stadiongesängen wird dies deutlich (Schland!). Ich bin bis heute der Überzeugung auf dem Betzenberg wird nicht: „Olé, rot-weiß, Olé rot-weiß…“ gesungen, sondern: „Oh Legolas, oh Legolas…“. Auf jeden Fall fällt es nur meinem direkten Nachbar auf, wenn ich das tue.

In der normalen Rollenspielrunde sind die Konsonanten also sehr leise. Der Kompressor sorgt dafür, dass die leisen Töne lauter werden, während die ohnehin lauten Töne laut bleiben. Das funktioniert so: Man gibt dem Kompressor einen Grenzwert, genannt Threshold, vor. Immer wenn das Signal diesen Grenzwert übersteigt, regelt der Kompressor das Signal um einen bestimmten Wert herunter. Um wie viel das Signal reduziert wird, wird durch das Verhältnis – Ratio – bestimmt. Ein Verhältnis von 2:1 bedeutet also, dass das Signal über dem Threshold um die Hälfte reduziert wird. Eine Kompression ∞:1 (unendlich zu eins) bedeutet, dass das Signal auf den Threshold selbst reduziert wird, wenn es diesen übersteigt. Weitere Einstellungen sind die Ansprechzeit – Attack-Time – und die Abklingzeit – Release-Time. Diese bestimmen wie schnell der Kompressor, reagiert und wie lange er weiterarbeitet, wenn das Signal wieder unter dem Grenzwert liegt. Zu kurze Ansprech- und Abklingzeiten, führen zu merkwürdig klingenden „Pumpen“.

Wir wollten jedoch die leisen Töne lauter machen, warum machen wir jetzt also etwas leiser? Weil wir danach das modifizierte Signal insgesamt wieder lauter machen! Dadurch, dass die lauten Töne nun nicht mehr so laut sind, liegen sie näher an den leisen und eine spätere Anhebung der Gesamtlautstärke wirkt damit effektiv so, als hätten wir die leisen Töne lauter gemacht.

Welche Einstellungen sollte man nun vornehmen, um Stimmen erkennbar zu machen? Probiere es mit einem sehr hohen Verhältnis (Nachrichtensprecher sind immer „Compressed to f*ck) und einer recht kurzen Ansprechzeit. Mit dem Grenzwert muss man ein bisschen experimentieren. Bei meinen Aufnahmen liegt er so um die -50 dB. Bei euch kommt es aber darauf an, wie laut ihr in euer Mikro schreit.

Der Kompressor in Audacity

Abschließend schauen wir uns an, wie der Kompressor in Audacity arbeitet. Dazu habe ich ein Bruchstück aus einer unserer Cthulhu-Runden ausgewählt. Mit Hilfe der Import-Funktion kann man Sounddateien verschiedener Formate einfüttern. Im Programm erscheint diese Datei dann als blaue Hüllkurve. Markiere die Hüllkurve mit einem Doppelklick und kopiere sie mit STRG+C. Klicke nun irgendwo auf einen leeren Arbeitsbereich unter der Hüllkurve, um die Markierung aufzuheben und füge eine Kopie der Hüllkurve mit STRG+V ein. Das sieht dann ungefähr so aus:

Die Originalspur wurde einmal kopiert.

Schalte die Originalkurve Stumm und markiere die Kopie. Wähle danach im Menü Effekt den Kompressor aus. Viele der schon beschriebenen Parameter tauchen hier wieder auf. Eine Faustregel für diese habe ich ja oben beschrieben. Die Funktion Anhebung auf 0 dB nach komprimieren ist sehr nützlich.

Der Kompressor in Audacity

Nachdem ich den Kompressor angewendet habe sieht man den Unterschied zwischen dem Original und der bearbeiteten Datei deutlich. Fast alles wurde lauter, nur der ohnehin sehr laute Anfangsbereich blieb etwa gleich laut, manche Stellen wurden dort sogar leiser.

Auf die untere Hüllkurve wurde der Kompressor angewendet.

Ein Probehören macht schnell klar: Die Verständlichkeit ist wesentlich besser. Was der Kompressor leider auch getan hat, war das Hintergrundrauschen zu verstärken. Man sieht es deutlich an den unbesprochenen Stellen, dort ist die Hüllkurve nun wesentlich dicker. In diesem kurzen Stück mag das noch OK sein, aber bei längeren Stücken geht einem dieses konstante Hintergrundrauschen sehr schnell auf die Nerven.

Daher benutzen wir einen zweiten Effekt. Kopiere dazu das Original ein weiteres Mal und schalte alles bis auf diese Kopie Stumm. Markiere die zweite Kopie und wähle unter Effekt den Punkt Rauschentfernung aus. Zunächst kann man hier nur Get Noise Profile anklicken, das machen wir auch. Danach öffne erneut diesen Effekt. Es gibt nun eine ganze Reihe von Parametern, auf die ich jetzt nicht eingehe, denn die Grundeinstellung der Rauschentfernung funktioniert recht gut. Wende diese also einfach an. Deine Hüllkurve sollte jetzt an den unbesprochenen Stellen wesentlich glatter sein, als im Original. Wende nun den Kompressor an und das Ergebnis sieht ungefähr so aus:

Auf die markierte Hüllkurve wurde zuerst die Rauschentfernung und danach der Kompressor angewendet.

. Beachte, dass sich in den Spitzen nicht viel getan hat, das Hintergrundrauschen jedoch wesentlich leiser ist.

Wenn man ein bisschen am Threshold des Kompressors und den vielen Einstellungen des Rauschentferners experimentiert, kann man noch bessere Effekte erzielen. Für zwei Minuten Arbeit kann sich unser Ergebnis aber schon jetzt hören lassen.

Ein Wort zu Kopfhörern

Vorsicht mit Kopfhörern! Wenn ihr mit Audacity herumspielt und dabei immer die Kopfhörer auf den Ohren habt, kann euch das Endergebnis, wenn es das erste Mal aus einer Box ertönt, ziemlich überraschen. Kopfhörer funktionieren wie akustische Mikroskope. Wenn ihr eine Stelle (wenige Sekunden oder Bruchteile von Sekunden) ganz genau hören wollt, benutzt einen Kopfhörer. Wenn ihr jedoch einen Gesamteindruck haben wollt, hört euch diesen lieber mit einem Lautsprecher an. Die Unterschiede im Hörempfinden sind dramatisch.

War’s das schon?

Mit Audacity lässt sich noch viel mehr basteln, daher soll es im nächsten Bastelwütigen Spielleiter um die Erschaffung von Trailern gehen. Dies sind selbstgemachte kleine akustische Stücke, welche man entweder vor seine Aufnahmen setzen kann oder mit denen man die Gruppe am Abend selbst einstimmt. Also: Stay tuned!

Ich wünsche euch eine fantastische Woche!

– Michael

Ihr habt einen Spielleitertipp und möchtet ihn hier mitteilen? Kein Problem: Sendet mir eine Kurznachricht bei den Blutschwertern, im Tanelorn oder auf rsp-blogs-forum, oder schickt mir einfach eine Mail (siehe hier).

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2 Antworten zu Der bastelwütiger Spielleiter. Teil 7

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