Ein Buch über das Schreiben – The Elements of Style

Elements of Style

Elements of Style, gibt Hinweise für Autoren englischer Texte seit über 50 Jahren.

Ich bin vor wenigen Wochen mit einem Buch in Kontakt gekommen, welches als Standardwerk für das Verfassen englischer Texte gilt. Das Buch ist von Strunk & White verfasst und heißt The Elements of Style. Es ist, mit etwa 100 Seiten, sehr schlank und sammelt auf engstem Raum wertvolle Regeln, wie man langweiligen, dahinplätschernden oder gar verwirrenden Schreibstil vermeidet. Ziel dabei ist es nicht, Meister der Literatur auszubilden, sondern aufzuzeigen, warum manche Texte halbgelesen zur Seite gelegt werden.

Was hat das mit einem deutschsprachigen Rollenspieltipp zu tun? Obwohl die Hinweise sich auf die englische Sprache und das geschriebene Wort beziehen, gibt es einige Ratschläge, welche sich nicht nur auf die deutsche Sprache, sondern auch auf das gesprochene Wort, verallgemeinern lassen.  Diese Tipps sind beim Erstellen von Handouts, anderen vorbereiteten Texten oder Blogartikeln nützlich; Aber eben auch für die mündlichen Beschreibungen des Spielleiters oder der Spieler. Ich möchte diese Ratschläge hier präsentieren, empfehle aber gleichzeitig auch jedem, der englische Texte schreibt, Elements of Style zu lesen. Das Buch wird, völlig zu Recht, als eines der wichtigsten seiner Art gehandelt.

Einige Vorschläge eignen sich nur für Texte, andere auch für das gesprochene Wort. Ich werde nicht zu jedem Ratschlag dazuschreiben, ob dieser sich für das Erstellen von Handouts (auch durch gezielte Missachtung der Regel), das Schreiben von Blogeinträgen oder für die Beschreibungen von Spielleitern eignen. Welcher Vorschlag für welche Situation geeignet ist, liegt gewöhnlich auf der Hand und ich überlasse die Unterscheidung daher dem Leser.

Strukturiere deine Texte

Das Schreiben von Texten beginnt mit deren Struktur. Nur in seltenen Fällen – wie bei flammenden Liebesbriefen oder Tagebucheinträgen – ist es sinnvoll, die Ideen so auf das Papier zu bringen, wie sie entstehen. Generell ist es notwendig die Ideen erst einmal zu sammeln, auszusortieren und zweckmäßig zu ordnen. Zu Beginn, noch bevor das erste Wort geschrieben wird, steht also die Arbeit auf der Ebene der Ideen und die Erschaffung eines Gerüstes. Dabei gilt: Umso klarer die Struktur des zukünftigen Textes ist, umso höher sind die Chancen auf einen starken Text.

Abschnitte

Abschnitte sind wichtige Bestandteile in der Struktur eines Textes. Kurze Texte können in einem Abschnitt niedergeschrieben werden. In größeren Texten sind Abschnitte jedoch zwingend notwendig. Dabei ist die Länge eines Abschnitts sehr variabel, von einem einzelnen Wort bis hin zu ganzen Seiten. Strukturiere deine Abschnitte so, dass jeder ein einzelner Schritt, bei der Erschließung eines komplexen Themas, ist. Starte dabei einen Abschnitt mit einem Satz, welcher den nachfolgenden Inhalt ankündigt oder den Übergang erleichtert. Dies kann auch sehr kurz geschehen, mit einfachen Floskeln wie Daher, Aus dem gleichem Grund,  Wieder. Wenn ein Abschnitt eine Szene beschreibt, kann er mit einem kurzen, leicht verdaulichen Satz gut begonnen werden:

Ein heißer Wind weht über die zerklüftete Landschaft

Darauf aufbauend folgen weitere Beschreibungen. Im Beispiel könnte beschrieben werden, woher der Wind weht oder warum die Landschaft zerklüftet aussieht.

Auf diese Weise lässt sich schnell ein Dialog mit den Spielern beginnen. Man beginnt mit einer allgemeinen Aussage und die Spieler erhalten durch Nachfragen weitere Beschreibungen.

Vermeide Passiv-Formen

Benutze nach Möglichkeit immer aktive Formen. Sie verleihen Texten und Beschreibungen mehr Schub. Aktive Satzkonstruktionen sind meistens kürzer, knackiger und weniger verwirrend:

Ich werde mich immer an meinen Besuch in Boston erinnern.

Mein Besuch in Boston wird mir immer in Erinnerung bleiben.

Der zweite Satz wirkt zäh und umständlich, schlimmer wäre sogar noch:

Mein Besuch in Boston wird immer in Erinnerung bleiben.

Hier weiß man als Leser nicht was gemeint ist: Wird dem Erzähler, einem Freund oder der Stadtbevölkerung, der Besuch immer in Erinnerung bleiben? Die Gefahr – und in gewisser Weise auch der Sinn – bei Passivkonstruktionen ist,  dass derjenige, der etwas macht, in den Hintergrund rückt. Im Extremfall führt dies dazu, dass überhaupt nicht klar ist wer derjenige ist. Dies kann man sich als Spielleiter natürlich auch zu Nutze machen, um verworrene oder rätselhafte Handouts zu erstellen. Ein weiteres Beispiel:

Der Boden wird durch totes Laub bedeckt.

Totes Laub bedeckt den Boden.

Beschreibe Positiv

Versuche immer positiv, also nicht verneinend, zu formulieren. Der Leser oder Zuhörer möchte wissen was ist; Wenn er immer nur erklärt bekommt, was nicht ist, wird er bewusst oder unbewusst unzufrieden, in manchen Fällen sogar verwirrt.

Oft schafft Tom es nicht rechtzeitig da zu sein.

Tom ist ständig unpünktlich.

Der zweite Satz ist wesentlich besser, da er dem Lesenden erklärt was Tom macht, anstatt ihm zu erklären was er nicht macht. Durch die fehlende Verneinung, wird der Satz kürzer und prägnanter.

Oft ist die positive Formulierung unmissverständlicher und informativer, als die negative Formulierung:

Der Wächter schenkt euch keine Aufmerksamkeit.

Der Wächter ignoriert euch.

Der Wächter übersieht euch.

Der Wächter schläft.

Der erste Satz ist eine negative Aussage. Es könnte verschiedene Gründe geben, warum der Wächter seine Aufmerksamkeit nicht auf die Spieler lenkt. Die drei letzten Sätze sind positive Aussagen. Alle sind konform mit der negativen Aussage, aber beschreiben einen völlig anderen Wächter. Dieses Beispiel treibt es auf die Spitze:

Es gibt einen roten, einen grünen und einen blauen Ball. Ich gebe dir nicht den roten Ball.

Es gibt einen roten, einen grünen und einen blauen Ball. Ich gebe dir den grünen Ball.

Dies verdeutlicht die Schwäche von Negativ-Aussagen.

Versuche einmal einen Nichtspielercharakter darzustellen, welcher nur negative Aussagen macht. Innerhalb kurzer Zeit werden die Spieler den NSC geradezu hassen und dies lange völlig unbewusst.

Positiv zu formulieren gilt sowohl für Sätze, als auch für einzelne Ausdrücke, besonders wenn das Wort Nicht auftaucht:

Nicht wichtig/unwichtignebensächlich/belanglos/sekundär/alltäglich

Wenig vertrauensvollunzuverlässig/verlogen/treulos/gefährlich

Auch hier schlummert ein großes Potential für rätselhafte Texte und Handouts, indem man die Spieler mit einer Verneinung auf die falsche Fährte führt.

Eine negative Formulierung bildet aber auch, wenn sie zusammen mit einer positiven Formulierung auftritt, eine sehr starke Konstruktion:

Kein Mitleid, sondern einfache Gerechtigkeit, bewog den Richter zu seinem Urteil.

Frage nicht, was dein Land für dich tun kann – Frage, was du für dein Land tun kannst.

Es gibt, je nach Satz, meistens Alternativen zum Wort Nicht (wie: nie, niemals, kein, nirgends, niemand, auch statt nicht nur, …), welche stärkere Formulierungen erlauben:

Frage nie, was dein Land für dich tun kann – Frage, was du für dein Land tun kannst.

Vermeide Modalverben

Die deutschen Modalverben sind: können, sollen, wollen, müssen, mögen und dürfen. Vermeide den unnötigen Gebrauch dieser Verben und benutze diese nur bei echter Auswahl, Unsicherheit, Wunsch oder Zwang:

Bewerber können einen guten Eindruck hinterlassen, indem sie akkurat und pünktlich sind.

Bewerber hinterlassen einen guten Eindruck, wenn sie akkurat und pünktlich sind.

Es besteht wenig Bedarf sich als Spielleiter in eine Wolke aus Könnens zu hüllen. Natürlich könnte eine Schlucht zu groß sein, um sie zu überspringen, damit ist jedoch den wenigsten geholfen. Sage was wirklich ist, nicht was sein könnte. Die Schlucht ist also 5 Meter breit. Wenn deine Spieler eine Information benötigen, dann gebe diese oder frage, wie die Charaktere diese einholen möchten. Verstecke dich aber nicht mit Hilfe von Können hinter Scheinaussagen.

Bleibe präzise und konkret

Beschreibe präzise und konkret, statt allgemein und abstrakt:

Auf eurer Reise geratet ihr in eine Schlechtwetterphase.

Auf eurer Reise regnet es den ganzen Tag – jeden Tag.

Er zeigt große Zufriedenheit, während er seine verdiente Belohnung verstaut.

Grinsend steckt er die Münze ein.

Gebe bei den Beschreibungen Details, aber achte darauf, dass diese wichtig sind. Es ist unmöglich alle Details einer Szene zu beschreiben – und wäre für die Spieler auch extrem langweilig. Konzentriere dich also auf Details, welche wesentlich zur Stimmung beitragen. Deine Spieler werden die unwichtigen Details in ihren Köpfen ganz alleine ergänzen. Achte bei Texten deiner Lieblingsautoren, welche Dinge sie beschreiben und wie viele Dinge sie auslassen und du bekommst ein Gefühl dafür, wie viel man sich als Leser dazu denkt.

Vermeide unnötige Wörter und Floskeln

Viele Konstruktionen sind schlicht überflüssig. Oft sind ganze Satzteile durch ein einfaches Wort ersetzbar. Es tauchen auch immer wieder Wörter auf, welche in ihrem Satz keine Funktion erfüllen.

Er ist ein Mann, welcher…Er…

Mit eiligem Schritt…Eilig…

Dies ist ein Thema, dass…Dieses Thema…

Der Grund dafür, dass…Weil…

Es besteht kein Zweifel, dassZweifelsohne…

Mein Cousin, welcher in der gleichen Firma arbeitet,…Mein Cousin, Arbeiter der gleichen Firma,…

Das Brot, welches schon alt war,…Das schon alte Brot…

Wenn du durch deine Texte gehst und anfängst Wörter und Satzteile auszumerzen, achte darauf, dass diese Wörter wirklich bedeutungslos sind. Es geht nicht darum in möglichst wenigen Wörtern zu schreiben, sondern darum, dass jedes benutzte Wort eine Funktion hat.

Platziere wichtige Wörter am Ende

Die Aussage eines Satzes hat oft ein bestimmtes Ziel. Dadurch, dass man dieses Ziel an das Ende eines Satzes verlagert, erhält es besondere Betonung. Schiebe daher bei wichtigen Aussagen deren Kern an das Satzende. Dies erfordert meistens einen großzügigen Umbau des Satzes:

Die Menschen sind seither nicht zäher geworden, während sie sich in vielen anderen Bereichen weiterentwickelt haben.

Die Menschheit hat sich in vielen Bereichen weiterentwickelt, sie wurde jedoch nicht zäher.

Dieser Stahl wird normalerweise für Rasierklingen verwendet, da er besonders hart ist.

Da dieser Stahl besonders hart ist, fertigt man aus ihm Rasierklingen.

Die Betonung im letzten Satz liegt eindeutig auf der Rasierklinge und deine Spieler werden definitiv hellhörig werden, wenn sie diesen Satz hören. In der ersten Version geht das Wort Rasierklingen im Satz unter und ein beiläufig zuhörender wird in erster Linie verstehen, dass der Stahl (oder irgendwas) hart ist. Mache dir dies vor allem bei Beschreibungen zu Nutze. Dadurch, dass du ein Wort an das Ende des Satzes stellst, ist es das Letzte was die Spieler von dir hören, wenn du aufhörst zu sprechen. Ihre Aufmerksamkeit wird automatisch auf diesem Wort liegen.

Eine andere wichtige Position im Satzgefüge ist der Satzanfang. Besonders dann, wenn man von einer gewohnten Konstruktion abweicht, um einen Ausdruck an den Anfang stellen zu können, erhält dieser eine besondere Betonung:

Lug und Betrug vergibt sie nie.

Diese beiden Positionen, Anfang und Ende, sind nicht nur innerhalb von Sätzen wichtig (auch Teilsätze können an verschiedenen Stellen im Satz stehen). Der erste und letzte Satz in einem Abschnitt, sowie der erste und letzte Abschnitt in einem Kapitel haben ebenfalls eine hohe Bedeutung. Stelle daher bei Beschreibungen sicher, dass sie mit einem wichtigen oder dem wichtigsten Detail enden.

Texte brauchen Zeit

Niemand verlangt von dir beim ersten Schreiben eines Textes alle Regeln guten Stils einzuhalten. Dies würde den Schreibfluss zu sehr stören. Schreibe daher die erste Fassung wie dir der Schnabel gewachsen ist. Aber: Erwarte kein Kunstwerk.

Ein längerer Text benötigt mehrere Iterationen, um gut zu werden. Praktisch alle bedeutenden Autoren schreiben eine Rohfassung und bearbeiten diese danach sehr ausgiebig. Einen guten Text einfach „runterschreiben“ gelingt nur in äußerst seltenen Fällen. Wenn du einen Text geschrieben hast, gehe ihn noch einmal durch, überprüfe die Struktur der Abschnitte, verschiebe Sätze und schmecke einzelne Wörter ab. Dieser Vorgang kann mehrfach wiederholt werden, bis der Text dem Autor soweit gefällt, dass er ihn veröffentlicht.

Oft muss ein Text auch eine Zeit lang ruhen. Dadurch gewinnt der Autor Abstand. Mit dieser Objektivität bringt er dann den Text auf ein höheres Niveau. Versuche dir Zeit mit deinen Texten zu lassen, auch wenn die Versuchung hoch ist, diesen sofort zu veröffentlichen. Oft reicht schon der zeitliche Abstand von einem Tag, um Fehler und Schnitzer in deinem Werk zu offenbaren, welche du vorher übersehen hättest. Ich persönlich korrigiere meine Blogeinträge zweimal, wobei die zweite Korrektur mindestens einen Tag nach der Fertigstellung des Rohtextes stattfindet. Abstand zu nehmen, ist eine der wichtigsten Methoden, welche bei jeder kreativen Tätigkeit zum Tragen kommt.

Erst durch die Nachbearbeitung entsteht der persönliche Stil, während alles vorhergehende nur Ideen, Konzepte und Halbfertiges ist.

Ich persönlich habe mir zum Ziel gesetzt ein besserer Schreiber und Beschreiber zu werden und habe in den obigen Hinweisen einen guten Startpunkt gefunden. Ich hoffe euch hiermit genau das gegeben zu haben: Einen Startpunkt. Eine Sammlung einfacher Hinweise und Regeln, welche eure Texte und Beschreibungen verbessern.

Habt eine fantastische Woche,

– Michael

Über spielleiten

Autor von spielleiten.wordpress.com
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2 Antworten zu Ein Buch über das Schreiben – The Elements of Style

  1. Oranor schreibt:

    Danke für diesen Artikel. Ich bin auch schon auf „Elements of Style“ gesstoßen, dachte aber daß es nur Interesant ist wenn man auf englisch schreibt. Aber dein Artikel hat mich eines besseren belehrt. Ich hab mir übrigens „Über das Schreiben“ von Sol Stein besorgt. Auch ein Standardwerk und zur Zeit günstig bei Zweitausendeins zu haben. Bis jetzt (Kapitel 2) gefällt es mir sehr gut. Die Hauptbotschaft in diesem Kapitel passt auch aufs Spielleiten: Gute Autoren schreiben nicht für sich selbst, sondern für ihre Leser!

  2. spielleiten schreibt:

    Danke für die Empfehlung.
    Dieses Buch werde ich mir mal anschauen, ich bin gerade auf der Suche nach einem deutschen Pendant, auf Grund meiner Bloggerei und in der Hoffnung daraus etwas als Spielleiter mitzunehmen.

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