Horror am Spieltisch

twist, by mrsnikkisixxEine furchteinflößende Atmosphäre am Spieltisch herzustellen ist gar nicht so einfach. Manchmal ist es sogar schlicht unmöglich. Es gibt Abende an denen wollen sich die Spieler einfach nicht gruseln lassen. Man kennt das vielleicht auch selbst beim Schauen von Horrorfilmen: Wenn man sich nicht darauf einlässt, dann wird jeder Horrorfilm eher lustig als grauenhaft. Genauso ist es auch in Horrorrollenspielen. Das ist trotzdem kein Grund als Spielleiter das Handtuch zu werfen. Wir können zwar nicht auf Kommando dafür sorgen, dass es am Spieltisch spannend und unheimlich wird, aber wir können die Chancen auf eine gute Horrorszene mit einigen Kniffen beträchtlich erhöhen. Dabei kommt es nicht nur darauf an störende Einflüsse zu vermeiden (das  berühmte klingelnde Handy), sondern auch den Spielverlauf so zu gestalten, dass die Wirkung einer Szene auf die Spieler möglichst groß ist.

Störende Einflüsse vermeiden

Wie sich die Spieler verhalten und wie es am Spieltisch aussieht hat einen großen Einfluss darauf, ob eine Szene richtig unheimlich wird oder nicht. Mit ein paar einfachen Maßnahmen kann man die größten Unruheherde beseitigen:

  • Keine Handys am Tisch. Besser noch: Alle Handys aus!
  • Keine Chipstüten oder ähnlich laute Snacks am Tisch. Falls man auf Snacks nicht verzichten möchte, dann sollten diese in Schüsseln umgepackt werden.
  • Wenn ihr Pizza bestellt, dann bestellt sie frühzeitig, sodass Ankunft und Verzehr der Pizza möglichst schnell hinter euch liegen.
  • Eine zu helle Beleuchtung sollte man durch eine dämmrige austauschen. Es muss nicht unbedingt Kerzenlicht sein, eine Tischlampe statt Deckenlampe oder ein dimmbarer Deckenstrahler tun es auch.
  • Spielt in ruhiger Atmosphäre. Ob ihr einen Raum mit Fenster zum Hinterhof habt, euch in einen Keller setzt, oder in eine einsame Waldhütte geht, ist nicht so wichtig. Aber es ist ungemein schwieriger in einer gut besuchten Kneipe eine Horrorstimmung aufzubauen.
  • Bringt alles wichtige was ihr brauchen werdet in Greifreichweite. Wenn ständig jemand verschwindet, um irgendetwas zu holen, schadet das der Atmosphäre.
  • Musik kann erheblich zur Stimmung beitragen. Hier gibt es sehr verschiedene Meinungen über den Sinn und Unsinn von Musik in Rollenspielen. Es gibt Gruppen bei denen hilft es, es gibt Gruppen bei denen lenkt es eher ab, oder wirkt aufgesetzt und dadurch belustigend. Hier muss jeder seine eigene Linie finden. Ich persönlich benutze Musik. Ich habe ein einleitendes Lied für den Start jeder Sitzung, sowie zwei Musiklisten. Die eine ist ruhig und oft traurig und für normale Spielszenen gemacht. Die andere Liste wurde für Horrorszenen geschaffen.

Schließlich gibt es da noch den größten Unruheherd von allen: Deine Spieler. Wenn die Spieler nicht mitmachen, dann kann man keine unheimliche Atmosphäre erzeugen. Hier ein paar Hinweise, für den Umgang mit den Spielern:

  • Achte darauf, dass deine Spieler in ihrer Rolle bleiben.
  • Achte auch darauf, dass du selbst die Spieler immer in ihrer Rolle ansprichst, am besten, natürlich durch einen Nichtspielercharakter.
  • Gehe nicht auf die Witze deiner Spieler ein, wenn du gerade eine furchteinflößende Szene aufbaust. Im Gegenteil: Freue dich im Stillen! Oft sind dies Reaktionen der Spieler, um sich gegen die Angst zu wehren (das berühmte Singen beim einsamen Waldspaziergang). Wenn diese Witze der Charakter gemacht hat, kann dies sogar gutes Rollenspiel sein. Sollten die Witze aber zu dämlich und häufig werden, strafe den entsprechenden Spieler mit einem strengem Blick. Erst die letzte Maßnahme sollte es sein, den Spieler wirklich darauf anzusprechen.

Es gibt Spieler die trotz dieser Vorkehrungen immer wieder die Stimmung zerstören. Dies kann verschiedene Gründe haben: Es könnte einfach sein, dass diese Person jedes Mal so viel Bammel hat, dass sie die Szene lieber kaputt machen will, als sich darauf einzulassen. Andere Gründe könnten aber auch sein, dass der Spieler überhaupt keine Lust hat ein Horror-Rollenspiel zu spielen. Vielleicht ist er sich seiner zerstörerischen Ader auch gar nicht bewusst. Man kommt hier nicht um ein klärendes privates Gespräch herum. Maßregele diesen Spieler nicht vor den Augen der anderen Spieler. Normalerweise spielen wir mit Freunden Rollenspiel, behandle deine Freunde also mit dem nötigen Respekt. So banale Dinge wie das zerstören einer Horrorszene brauchen nicht Grund für einen Streit oder eine zerstörte Freundschaft sein. Sollte der Spieler trotz allem unverbesserlich deine Versuche Stimmung aufzubauen vernichten, dann gibt es leider keine andere Möglichkeit mehr, als diesen Spieler aus der Runde auszuschließen. Es gibt keinen Grund, Sitzung um Sitzung sich als Spielleiter über diesen Spieler zu ärgern, schließlich soll das Spiel auch dir Spaß machen.

Gestaltung des Spielverlaufs

Neben dem Ausschalten von Störquellen kann man noch mehr tun um eine Horrorszene gelingen zu lassen. Stelle dir vor, du würdest mit deiner gerade eingetroffenen Spielgruppe unter den obigen Voraussetzungen das Spiel sofort mit einer Horrorszene beginnen. Wie hoch stehen hier die Aussichten auf Erfolg? Sehr, sehr niedrig. Deine Spieler kommen gerade erst aus ihrem Alltag, selbst mit großer spielerischer Disziplin und sofortigem Einfinden in ihre Rolle ist deren Kopf noch gefüllt mit den Ereignissen des Tages. Es gilt für dich als Spielleiter erst einmal diese Dinge aus dem Verstand deiner Spieler zu drängen und durch die Geschehnisse des Rollenspiels zu ersetzen. Durch einen gezielten Spielverlauf (z.B. keine Horrorszene zu Beginn eines Abends) kann man also die Chancen auf eine angsteinflößende Atmosphäre erhöhen. Wichtige Techniken sind hier: Das Ankünden von Gefahren, die Angst vor dem Unbekanntem, das Arbeiten mit Kontrasten und der Rahmen der Ereignisse.

Das Ankünden von Gefahren

Eine plötzlich eintretende Horrorszene mag manchmal ganz gut funktionieren, da man seine Spieler, schnell und auf dem falschen Fuß erwischt. Ganz oft funktioniert es jedoch nicht, da man eben die Spieler so sehr überrascht, dass sie keine Gelegenheit bekommen Ängste und Befürchtungen aufzubauen. Besser ist es Gefahren anzukündigen. Diese Ankündigungen, sollten mehr oder weniger subtil und vor allem in der Welt der Charaktere stattfinden. Ich arbeite in meinen Rollenspielgruppen immer mit einem dreistufigem Modell, welches sehr gut funktioniert:

  • Stufe 1: Die Charaktere erfahren von der Gefahr auf indirekte Weise. Dies ist im klassischen Fall ein (Tage-)Buch, kann aber auch ein Zeitungsartikel, eine Fernsehreportage oder etwas ganz anderes sein. Die Charaktere erfahren hier, dass jemand anderes eine sehr furchteinflößende Erfahrung gemacht hat. Etwas Schlimmes ist passiert. Es gibt oft eine Möglichkeit die Ereignisse rational zu erklären, auch wenn es da einen Punkt gibt, der diese Erklärung unwahrscheinlich klingen lässt.
  • Stufe 2: Die Charaktere erfahren die Gefahr auf direktere Weise, aber sie sind noch nicht drin, im großen Schlamassel. Sie treffen vielleicht einen Zeugen oder erleben eine kurze Konfrontation mit dem zukünftigem Horror. Vielleicht sehen sie einen Schatten der hinter der Ecke verschwindet oder hören ein seltsames Geräusch.
  • Stufe 3: Diese letzte Stufe ist die eigentliche Konfrontation mit der Gefahr. Dies ist die Szene auf welche die vorherigen zwei Stufen hingearbeitet haben.

Beim Schauen von Horrorfilmen oder auch beim Lesen von Horrorabenteuern, kann man diese Struktur immer wieder finden. Besonders deutlich wird diese Struktur bei dem genialem Abenteuer im Spielleiterband von Call of Cthulhu: Am Rande der Finsternis. Durch die obige einfache Struktur, wird dieses extrem simpel aufgebaute Abenteuer unglaublich schlagkräftig. Jedes Mal, wenn du dir eine Horrorszene überlegst, solltest du an diese drei Stufen denken. Sie sind, meiner Meinung nach, das wichtigste Werkzeug für das Erzeugen einer stimmungsvollen Horrorszene.

Die Angst vor dem Unbekanntem

Wir haben bereits festgestellt, dass man Gefahren ankündigen soll,  nun steht in diesem Abschnitt das Unbekannte im Mittelpunkt, wie passt das zusammen? Die Kunst ist die Gefahr anzukündigen ohne sie dabei zu enthüllen. Gebe den Spielern Bruchstücke, Hinweise, verzerrte Darstellungen, aber nie ein klares Gesamtbild, nie eine logische Erklärung für alles. Der Autor Daniel Kehlmann hat dem Lehrer Humboldts in etwa folgende Worte in den Mund gelegt: „Immer wenn dir die Dinge Angst machen, messe sie!“. Durch das genaue Untersuchen verlieren die Dinge ihren Schrecken. Dies gilt auch umgekehrt: Wenn die Spieler nicht das komplette Bild haben, müssen sie die Lücken mit ihrer Fantasie füllen. Und nichts kann deinen Spielern so sehr den Nerv rauben, wie deren eigene Fantasie! Alleine das Fehlen von plausiblen Erklärungen, bereitet Unbehagen bei deinen Spielern.

Das Arbeiten mit Kontrasten

Wenn du deine Spieler von einer Horrorszene in die nächste stürzt, dann werden diese mit der Zeit ein immer dickeres Fell bekommen. Man kann sich nicht stundenlang gruseln. Daher ist es wichtig als Spielleiter mit Kontrasten zu arbeiten. Gönne deinen Spielern Szenen, in denen sie verschnaufen können. Lass diese sich zurücklehnen, sollen sie es sich und ihren Charakteren ruhig bequem machen. Die nächste Horrorszene kommt bestimmt und wird sie aufs Neue mit voller Wucht treffen, da sie mit dieser aus ihren Komfort wieder herausgerissen werden. Gebe deinen Spielern und den Charakteren immer wieder einmal den Ausblick auf ein ruhiges, friedliches Leben, um es ihnen dann wieder zu entreißen. Wenn man als Spielleiter seine sadistische Ader unbedingt ausleben möchte, dann bietet sich hier eine spielfördernde Gelegenheit.

Der Rahmen der Ereignisse

Eine Horrorszene bei strahlendem Sonnenschein, Vogelgezwitscher und in einem gut überschaubaren und vertrauten Wohnzimmer? Eine schwierige Vorstellung! Die Umgebung in der sich die Charaktere befinden hat großen Einfluss darauf, ob eine Horrorszene Erfolg hat oder nicht. Schüre an den Grundängsten der Menschen wie Dunkelheit, Enge, Kälte, Einsamkeit und das Unbekannte. Bringe die Charaktere zu neuen Orten oder verändere bekannte Orte so, dass sie unbekannt erscheinen z.B. mit Dunkelheit, Zerstörung oder einer dicken Schneedecke. Isoliere die Gruppe oder sogar einzelne Charaktere. Der Ort und die Umstände, an dem eine Horrorszene stattfindet, sollte immer eine gewisse Außergewöhnlichkeit aufweisen. Wenn du die Spieler und deren Charaktere aus dem Konzept bringst, machst du sie empfänglicher für die Angst.

Letzte Worte

Insgesamt gilt immer noch: Es gibt kein Rezept für eine Horrorszene mit Erfolgsgarantie. Es muss einiges zusammenkommen, damit die Spieler sich wirklich gruseln. Umso wichtiger ist es deshalb, dass man die Voraussetzungen für ein solches Zusammenspiel, so optimal wie möglich gestaltet. Manchmal wirst du einfach so Erfolg haben, ohne, dass du dir besonders Mühe gegeben hättest. Manchmal sind die Voraussetzungen einfach optimal, aber der Funke springt trotzdem nicht auf die Spieler über. Das ist normal. Es ist wie beim Fußball: Damit ein Tor fällt, müssen viele günstige Umstände zusammenkommen. Glück gehört dazu. Man kann nicht den ganzen Prozess trainieren, aber man kann dafür sorgen, dass diese günstigen Umstände möglichst oft zusammenkommen.

Welche Erfahrungen habt ihr mit Horrorszenen gemacht? Wie erzeugt ihr oder euer Spielleiter in euren Spielrunden eine fürchterlich furchteinflößende Atmosphäre?

Habt eine fantastische Woche!

– Michael

Über spielleiten

Autor von spielleiten.wordpress.com
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4 Antworten zu Horror am Spieltisch

  1. xerxestough schreibt:

    Sehr schöner Artikel!

  2. spielleiten schreibt:

    Danke schön! Hach, das geht runter wie Öl :)

  3. Roger schreibt:

    Gerade in diesem Bereich habe ich gute Erfahrung mit einer einer sehr einfachen Technik gemacht. Leise sprechen – fast flüstern, die Spieler mit Blicken fixieren. So sehr, dass sie sich konzentrieren müssen, der Stimme zu folgen. Dass sie an den Lippen hängen. Und dann, wenn der Schockmoment kommt, zB mit der Faust auf den Tisch hauen oder einen schrillen Schrei oder ein hässliches Geräusch vom Laptop kommen lassen. Hach,immer schön, wie sehr Spieler dann zusammen zucken. Musikempfehlungen hier zu: John Debney – Satan Walks The Streets vom Film End of Days, Oder vom Film Mimic der Opener: ( http://www.youtube.com/watch?v=QJLZ3XiDkqs )

  4. daeumling7 schreibt:

    Hi,
    schöner Artikel, wird mir bestimmt nützlich sein.

    Allerdings eine kleine Ergänzung zum Thema gruselige Umgebung: Es kann auch schnell zum Klischee werden, wenn Horrorszenen immer bei Gewitter stattfinden, und immer in einem alten Schloss.

    Und es geht auch anders: Es gibt eine geniale Szene in Scream 2: Die Protagonisten sind auf dem Campus einer Uni, tagsüber, bei strahlendem Sonnenschein. Sie bekommen einen Anruf vom Killer, der sie beobachtet und fangen hektisch an, das Gelände nach jemandem abzusuchen, der gerade ein handy in der Hand hat. Ich find die Szene sehr gelungen, gerade weil die freundliche Umgebung irgendwie zu der bedrohlichen Atmosphäre beiträgt. Und hier wurde auch noch ein anderes Element auf den Kopf gestellt: Normalerweise ist es gruselig, wenn die Protagonisten irgendwo ganz allein sind, keine Hilfe in Sicht ist und dann der Gegner auftaucht. Hier findet die Szene inmitten vieler Menschen statt und trotz dieser vielen Zeugen schützt es den armen Randy trotzdem nicht davor, abgemurkst zu werden.

    Man darf also auch ruhig mal andere Wege gehen.

    Viele Grüße

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